top of page

Ostdeutsch geprägt. Wende gelernt.

  • Autorenbild: Antje
    Antje
  • 31. Juli
  • 5 Min. Lesezeit

Auf der schwierigen Suche nach den Stärken, die wir der Wende verdanken.


Dies ist mein persönlicher Bericht über den Workshop „Ostdeutsch geprägt. Wandel gelernt.“ auf der Fläminger Kreativsause. Und wie daraus "Wende gelernt." wurde.



Schwarz-weiß-Foto aus der Zeit der DDR. Drei junge Frauen in Arbeitskleidung mit Spaten stehen vor einem Erdhaufen. Dahinter ein Gebäude auf dem steht "Dienstleistungen".
Bildmaterial: Bundesstiftung Aufarbeitung | Fotograf: Harald Schmitt

 Der Ausgangspunkt. 

 

Zweieinhalb Stunden haben wir Zeit. Ein warmer Sommertag. Der weitläufige Gutshof mit seinem buckligem Pflaster ist ein guter Ort, um über Erfahrungen zu sprechen. Die Erfahrungen der Ostdeutschen mit der Wende, nach der Wende. Auf dem Hof herrscht buntes Treiben – die Fläminger Kreativsause hat eingeladen. In ein kleines Dorf mitten in Brandenburg.

 

Die Leute, die zum Ostdeutsch-Workshop wollten, fielen irgendwie auf, als sie über den Hof kamen. Obwohl sie hier zu Hause sind. Schon von weitem dachte ich: Ah, die wollen zu uns.

 

Warum das so ist, kann ich gar nicht sagen.

Aber es ist so.


Schon in diesem „sich Erkennen“ steckt etwas, was sich nur schwer greifen lässt.

Etwas erdiges, vertrautes, zurückhaltendes.

Etwas, dass ich sehr mag.

 

Jana Kalms und ich haben uns über den Ostfrauen*Salon gefunden. Jana ist Journalistin und Podcast-Macherin von "Der Bruch". Ich komme aus der Wirtschaft, bin Marketing-Mentorin für ostdeutsche Unternehmen. Was uns zusammengebracht hat, ist das Interesse am Thema Ostdeutschland und der Wende- und vor allem der Nachwendezeit. Wir sind beide Anfang der 1970er Jahre in der damaligen DDR geboren. Jana und ich haben heute eingeladen zu "Ostdeutsch geprägt. Wandel gelernt."

 

Unser Ziel für den Nachmittag ist es, das Wendegeschehen und die Erfahrungen aus dieser Zeit einzufangen, vielleicht auch auszugraben. Unser Blick richtet sich auf die persönliche Weiterentwicklung.


Transformationskompetenz wird das wissenschaftlich genannt.

 

Transformative Kompetenzen sind die zentralen Kompetenzen, die nötig sind, um gesellschaftliche Herausforderungen sozialer, ökologischer oder demokratischer Natur bewältigen zu können. Sie befähigen Menschen, sich Herausforderungen bewusst zu werden, visionäre Lösungen zu entwerfen und den Mut zu haben, andere von diesen zu überzeugen. Quelle: www.stifterverband.org

 

Das Wort ist für mich ein bisschen zu groß, zu sperrig, zu wenig erdig.  

 

Weniger wissenschaftlich gefragt:

Was haben mir die Wende und meine Erlebnisse der nachfolgenden Jahre gebracht? Hat es mir überhaupt etwas gebracht?

Kann ich jetzt etwas, das ich vorher nicht konnte?

Und das mir danach immer wieder von Nutzen war?

 

Das herauszubekommen, haben wir uns heute auf die Fahne geschrieben.

Offen ist, ob es gelingt.


 

Die Frage. 


Die Erzählung über die Wende ist oft eine Erzählung des Verlustes.


Von Arbeitsplätzen.

Von Betrieben, die plötzlich geschlossen wurden.

Von Sicherheit.

Von einem Alltag, der von heute auf morgen nicht mehr selbstverständlich war.

Von Demütigung.

Von Biografien, die plötzlich nicht mehr zählten.


Das alles ist wahr.

Und trotzdem lässt mich eine Frage nicht los.

Kann das alles gewesen sein?


Gibt es nicht auch Erfahrungen, die Menschen stark gemacht haben? Fähigkeiten, die genau in dieser Zeit entstanden sind? Etwas, das bis heute nützlich ist?


Mit dieser Neugier gehen wir in den Workshop.


Wir stellen allen dieselbe Frage:

Was hat sich durch die Wende für Dich – ganz persönlich – am stärksten verändert?


Und dann lassen wir Zeit.

Zeit zum Erinnern.

Zeit zum Erzählen.


Mit einer zweiten, ganz einfachen Frage:

Wie hast Du das erlebt?



Die Antworten.


20 Menschen sitzen im Kreis. Der Jüngste ist 36 Jahre alt, die Älteste 83. Dazwischen liegen 47 Jahre Lebenserfahrung. Sie kommen aus dem Norden, Süden, Osten und Westen Deutschlands. Die meisten sind Frauen, einige Männer.


Die Teilnehmenden aus dem Westteil Deutschlands entscheiden sich an diesem Nachmittag bewusst fürs Zuhören. Sie möchten den Erzählungen der Ostdeutschen Raum geben.


Dann beginnen die Geschichten.


Sie könnten unterschiedlicher kaum sein.

Und doch begegnen sie sich immer wieder.


Immer wieder geht es um Familie. Um Eltern, die nach der Wende plötzlich nur noch mit sich selbst beschäftigt waren. Weil sie ihre Arbeit verloren hatten. Weil sie nicht wussten, wie es weitergehen sollte. Weil sie erst einmal wieder Boden unter die Füße bekommen mussten. Mehrere erzählen davon, wie sehr diese Zeit ihre Eltern verändert hat – und wie sehr sie selbst davon bis heute geprägt sind.


Andere sprechen von ihren Kindern. Von der Sorge, ob sie ihren Platz in dieser neuen Welt finden würden. Ob sie ihren Weg gehen. Und davon, wie schwer es manchmal war, nur zuzusehen und darauf zu vertrauen, dass sie ihn finden.


Es wird erzählt vom Fremdsein. Vom Gefühl, nicht dazuzugehören. Von einer ostdeutschen Prägung in der Erziehung, die vieles im Westen fremd erscheinen ließ. Angezogen vom Glanz. Und gleichzeitig abgestoßen vom Glanz.


Manche erinnern sich an Orientierungslosigkeit. An das Gefühl, völlig verloren zu sein. An eine neue Freiheit, mit der sie zunächst nichts anfangen konnten. Freiheit, die nicht Möglichkeiten brachte, sondern Leere.


Andere erzählen das Gegenteil. Dass sie Chancen gesehen haben. Dass sie losgegangen sind. Neues ausprobiert haben. Dass sie Verantwortung für den eigenen Weg übernommen haben. Manche sagen, sie seien schon immer Optimisten gewesen.


Wieder Andere haben genau in dieser Zeit gelernt, auch einmal Nein zu sagen. Das eigene Leben nicht einfach geschehen zu lassen, sondern zu gestalten.


Mit jeder Geschichte entstehen neue Fragen. Und mit jeder Geschichte wird deutlicher, wie wenig wir bisher über diese Erfahrungen gesprochen haben.


Mehrere sagen, dass jetzt – 37 Jahre nach der Wende – endlich die Zeit dafür gekommen sei.


Endlich.

Dieses Wort fällt mehr als einmal.

Endlich werden Fragen gestellt, die lange niemand gestellt hat.

Endlich ist Raum für Erinnerungen, die bisher kaum Platz hatten.


Während ich zuhöre, fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Das eigentlich Traumatische waren gar nicht die einzelnen Geschichten. Die waren beherrschbar, mehr oder weniger.


Das eigentlich Traumatische war das kollektive Erleben.


Alle waren betroffen.

Alle mussten sich neu orientieren.

Alle verloren Sicherheiten.

Niemand wusste, wie diese neue Welt funktioniert.

Niemand konnte den anderen sagen, wie es geht.


Nicht der Nachbar.

Nicht der Kollege – den gab es nicht mehr.

Nicht die Freundin.


Alle suchten gleichzeitig.

Alle mussten ihren eigenen Weg finden.


Genau darin liegt für mich das Wendetrauma. Nicht nur in dem, was jeder Einzelne erlebt hat. Sondern darin, dass eine ganze Gesellschaft zur gleichen Zeit den Boden unter den Füßen verlor.


Diese Erkenntnis hatten andere lange vor mir. Ich habe sie heute.

Mit diesem Gedanken höre ich den weiteren Geschichten zu.


 

Ein Satz bleibt.


Wir bitten jede und jeden, die eigene Geschichte auf einen Satz zu verdichten.

Nur das, was für das eigenen Leben hängen geblieben ist.


Ich schreibe jeden Satz auf eine Karte und pinne sie an die Wand.


Nach und nach füllt sie sich.


Jeder Satz steht für einen Menschen.

Für eine Geschichte.

Für eine Erfahrung.


Und zusammen erzählen sie noch einmal eine ganz andere Geschichte.


  • Selber klarkommen.

  • Es ist nur so viel los, wie Du selber losmachst.

  • Zwischen den Welten übersetzen.

  • Verantwortung übernehmen.

  • Autoritäten hinterfragen.

  • Positiv denken.

  • Rückhalt in der Familie.

  • Krisenfest.

  • Suche nach Utopien & gerechter Welt.

  • Sich einlassen & mitbewegen.

  • Der Alte geblieben.

  • „Nein“ sagen nach außen. Und ein „Ja“ für mich.

  • Gucken, was geht.

  • Ich bin nicht allein.

  • Es wird überall nur mit Wasser gekocht.


Mit jeder Karte füllt sich die Wand.

Mit jedem Satz entstehen neue Zusammenhänge.


Das Foto zeigt die Karten mit den festgehaltenen Sätzen.


Aus Wandel wird Wende. 


In der Abschlussrunde kommt noch einmal Bewegung auf.

Eigentlich sind die zweieinhalb Stunden vorbei.

Eigentlich.


Denn jetzt geht es erst richtig los.


Die Gespräche hören nicht auf. Im Gegenteil. Ich habe das Gefühl, wir könnten locker noch eine Stunde weitermachen.


Dann sagt einer aus der Runde:

„Also, eins muss ich mal sagen: Mit Wandel kann ick nüscht anfangen. Da muss doch Wende stehen. Wende jelernt.“


Mehrere nicken.

Ich auch.


Wandel ist zu klein.

Zu sanft.

Zu gefällig.


Die Menschen erzählen nicht von Wandel.

Sie erzählen von der Wende.

Von ihrer Wende.

Von einem harten Einschnitt.

Von einem Leben davor und einem Leben danach.


Von einem Anschlag.

Und vom Abstoßen.

Vom Versuch, den Kopf über Wasser zu halten.

Und dabei möglichst wenig Wasser zu schlucken.


Aus Wandel wird Wende.


 

Ostdeutsch geprägt. Wende gelernt.

Check.


Aus Nachmittag ist inzwischen Abend geworden, immer noch sommerwarm.

Kommentare


Arbeitsmatte.png

Zwischen Strategie & Alltag:
Meine WERKSTATT-NOTIZEN

Newsletter? Nein.
In meinen Werkstatt-Notizen geht’s um

Tipps & Tricks aus dem Marketing

aktuelle Trends

die Top-Fragen meiner Kund:innen

Berichte aus der Praxis

 

 & immer um Persönliches, Inspirierendes und Unf*ckingfassbares

bottom of page